Verletzungen der Hand und des Handgelenks im Sport

November 2022 – Ausgabe 40

Schlüsselwörter: Hand, Handgelenk, Verletzungen, Sport

Die Finger, die Hand und das Handgelenk sind beim Sport einem großen Verletzungsrisiko ausgesetzt. Insbesondere Fingermittelgelenksverletzungen werden in ihrer Schwere häufig unterschätzt. Eine unsachgemäße Behandlung kann sowohl gesundheitliche als auch finanzielle Probleme für Profisportlerinnen und -sportler haben und bis zur Sportinvalidität führen.

Viele Verletzungen bei Sporttreibenden ähneln denen der Allgemeinbevölkerung, wie sie auch zum Beispiel bei Verkehrsunfällen oder Berufsunfällen auftreten können. Hier seien nur die Fingerfrakturen und Luxationen erwähnt. Nichtsdestotrotz sind die Hand und das Handgelenk im Wettkampfsport einem erhöhten Verletzungsrisiko ausgesetzt: 25 Prozent aller Sportverletzungen betreffen die Hand und das Handgelenk.

Von den Sporttreibenden sowie den Trainerinnen und Trainern werden diese Verletzungen allerdings häufig unterschätzt. Schwerwiegende Verletzungen, wie zum Beispiel die Fraktur und die Subluxation der Fingermittelgelenke, werden häufig als leichte Verstauchung oder Distorsion abgetan. Eine verspätete Diagnose oder unzureichende Behandlung führen jedoch häufig zu einem mangelhaften Ausheilungsergebnis mit gravierenden funktionellen Einschränkungen im Alltag und insbesondere beim Sport.

Bestimmte Sportarten führen zu einer ausgesprochen hohen und sportartspezifischen Belastung der Hand und des Handgelenks und zu sportartspezifischen Verletzungen und Überlastungssyndromen, welche in der Allgemeinbevölkerung nur selten beobachtet werden.

Langzeitfolgen werden oft unterschätzt

Bei der Behandlung dieser Verletzungen muss die Gesamtsituation mitbetrachtet werden. Bei Profisportlerinnen und -sportlern wiegen Langzeitfolgen und Funktionsausfälle der Hände schwer; hieraus können nicht nur gesundheitliche, sondern auch finanzielle Schwierigkeiten entstehen. Eine dauerhafte Sportinvalidität ist nicht ausgeschlossen. Bei der Abwägung des „return to play“ müssen deshalb neben den medizinischen Aspekten immer auch der innere Druck (unbedingter Wille, wieder am Wettkampf teilnehmen zu wollen) und der äußere Druck durch Sponsoren, Trainerinnen und Trainer und nicht selten durch ehrgeizige Eltern in die Entscheidung miteinbezogen werden. Die zeitliche Balance zwischen einer verfrühten oder verzögerten Aufnahme der Rehabilitation, des sportartspezifischen Trainings und letztendlich der Wettkampfteilnahme ist die Aufgabe der behandelnden Ärztinnen und Ärzte und mitunter eine große Herausforderung. Traditionell wurden alle Verletzungen durch allgemeine Teamsportärztinnen und -ärzte behandelt;
in letzter Zeit werden aber insbesondere von Profivereinen und Profisporttreibenden zunehmend beratende Handchirurginnen und -chirurgen zur Behandlung dieser speziellen Verletzungen herangezogen.

Alle o. g. Faktoren erklären auch, warum Sportverletzungen separat betrachtet werden und die Therapieentscheidung nicht immer ausschließlich medizinischen Kriterien folgt. Sie erfordern eine enge Arzt-Patienten-Beziehung und eine wohldurchdachte Risiko-Nutzen-Abwägung. Ebenso empfiehlt es sich, das betreu- ende Team der Sportlerinnen und Sportler in die Therapieentscheidung und den zeitlichen Ablauf miteinzubeziehen, zumindest aber zu informieren. Letztendlich orientieren sich die Entscheidung und Behandlung aber ausschließlich am Patientenwohl.

Zur operativen Therapie sollen nur einige allgemeine Grundlagen genannt werden. Wann immer möglich und das Verletzungsmuster es erlaubt, sollten operative Therapieverfahren gewählt werden, welche mit minimaler Zugangsmorbidität und Weichteiltraumatisierung eine stabile Fixation erzielen und somit eine frühe Mobilisierung der Gelenke ermöglichen.

In diesem Artikel sollen die häufigsten sportartspezifischen Verletzungen und Überlastungssyndrome im Bereich der Hand und des Handgelenks beschrieben werden (Tabelle 1, Abb. 1). Eine vollständige Aufzählung und Nennung aller Sportarten und Sportverletzungen würde den Rahmen des Artikels allerdings sprengen. Hier wird auf die spezielle Fachliteratur verwiesen (1, 2).

Sportartspezifische Verletzungen

Ballsportarten

Ballsportarten ohne Schläger, wie z. B. Basketball, Handball und Volleyball, sind besonders anfällig für Fingerverletzungen (Abb. 2 und 3). Hierbei kommt es typischerweise bei direktem Gegnerkontakt, Hängenbleiben des Fingers im Trikot oder axialem Stauchungstrauma des Fingers durch den Ball zu Verletzungen des Fingerendgelenks (Malletfinger) oder des Mittelgelenks (Fraktur, Luxation, Sehnenverletzung) (4).

Boxen

Kampfsportarten wie Boxen sind anfällig für Frakturen der Metakarpalia und Sehnenverletzungen. Der „boxer`s knuckle“ beschreibt die Verletzung des sagittalen Bandes, manchmal kombiniert mit Kapsel- und Knorpelverletzung des Fingergrundgelenks (MCP D3). Gelegentlich kommt es zur Luxation der Strecksehne.

Durch das repetitive Schlagen und die Mikrotraumatisierung kommt es häufig zur Instabilität des CMC-3-Gelenks mit Knorpelschäden und sekundärem Carpal Boss (Abb. 4). Bei dauerhaften Beschwerden und Fortsetzen des Boxsportes ist die Arthrodese indiziert.

Metakarpalefrakturen sind häufig; sie werden i. d. R. operativ therapiert und funktionell nachbehandelt. Die „boxer`s fracture“, welche die subkapitale Fraktur des 5. MHK beschreibt, ist allerdings ein Misnomer, da der professionelle Boxer mit dem 2. und 3. Mittelhandknochen schlägt (5).

Radfahren

Die partielle Lähmung des Ellennerven am Handgelenk durch Kompression und Vibrationen in der Loge de Guyon wird bei Radfahrerinnen und Radfahrern als „Lenkrad- oder handlebar-Lähmung“ bezeichnet. Der Nervus ulnaris verläuft in der Loge de Guyon zwischen Os hamatum und Os pisiforme unter dem Ligamentum pisohamatum. Die dauerhaften Vibrationen beim Radfahren führen zur Demyelinisierung des Nervs mit resultierender partieller Lähmung. Initial erfolgt eine konservative Therapie mit gepolsterten Fahrradhandschuhen und der Veränderung der Fahrposition. Stellt sich daraufhin keine Besserung ein, ist die operative Dekompression indiziert (6).

American Football und Rugby

Football und Rugby sind High-energy-Sportarten mit vielen Kollisionen und Tacklings, welche die Hände und Handgelenke einem hohen Verletzungsrisiko aussetzen. Alle Arten von Verletzungen und Frakturen werden beobachtet, u. a. auch abhängig von der Spielposition.

Am häufigsten werden Offensivspieler beim Football verletzt. 80 Prozent der Verletzungen der oberen Extremität in der amerikanischen NFL sind dabei Mittelhandfrakturen (Abb. 5). Bei den Defensivspielerinnen und -spielern sind Verletzungen des 1. Strahles häufig.

Eine typische Verletzung ist der sog. Jerseyfinger. Hierbei versucht der Spieler, den Gegenspieler am Trikot festzuhalten. Das Fingerendglied wird dabei gegen maximalen Widerstand gestreckt, wodurch die tiefe Beugesehne am Endglied ausreißt. Ebenso werden alle schweren Verletzungen im Bereich des Handgelenks und der Handwurzel, wie z. B. die Kahnbeinfraktur oder die SL-Bandruptur, beobachtet.

Golf

Erkrankungen der Extensorcarpiulnaris- Sehne sind hierbei am häufigsten. Sie reichen von der einfachen Tendinitis bis zur Sehnenluxation und Ruptur. Sie können akut oder in chronischer Form auftreten. Ebenso werden Stressfrakturen oder akute Frakturen des Hamulus des Os hamatum beobachtet (Abb. 6). Sie entstehen durch den Rückschlag beim Schlag in den Boden. Gelegentlich treten dabei zusätzlich zum lokalen Druck- schmerz über dem Hamulus Parästhesien und Krepitationen im 4. und 5. Strahl durch Irritation des N. ulnaris und der Beugesehnen auf. Die Behandlung erfolgt in der Regel konservativ.

Klettern

Beim Sportklettern ist insbesondere beim Aufstellen der Finger und beim sog. Crimpgriff das Ringbandsystem dauerhaft einer erhöhten Belastung ausgesetzt (Abb. 7). Typischerweise entsteht eine akute Ruptur des Ringbandes, wenn bei max. Anspannung die Hand bei aufgestellten Fingern vom Griff „rutscht“.
Die Kletternden verspüren einen starken Schmerz im betroffenen Finger. Am häufigsten reißt das A2-Ringband des Ringfingers. Bei der Ruptur eines einzelnen Ringbandes erfolgt die Behandlung konservativ mittels Ringbandtaping. Reißen mehrere Ringbänder, ist klinisch ein Bogenphänomen (Bowstringing) sichtbar und eine operative Therapie ist indiziert (9).

Skifahren

Der typische Skidaumen entsteht, wenn beim Sturz der Daumen beim gleichzeitigen Halten des Skistockes ruckartig abduziert wird und dadurch das ulnare Kollateralband des Grundgelenks reißt. Gelegentlich kommt es zum knöchernen Ausriss. Bei der sog. Stener-Läsion kommt es zur Interposition der Adduktoraponeurose zwischen abgerissenem Band und Bandansatz. Hier ist eine operative Therapie indiziert (10). Seltener ist das radiale Kollateralband betroffen (Abb. 8).

Tennis

Beim Tennis und bei anderen Schlägersportarten sind hauptsächlich die ellenseitigen Strukturen von Verletzungen und Überlastungssymptomen betroffen. Alle Erkrankungen von der ECU-Tendinitis bis zur akuten und chronischen TFCC- Läsion werden beobachtet (Abb. 9) (11).

Die Abklärung des ulnarseitigen Handgelenkschmerzes ist für die behandelnden Ärztinnen und Ärzte aus der Sportmedizin und Handchirurgie immer wieder eine große Herausforderung.

Zusammenfassung

Bei der Behandlung von sportartspezifischen Verletzungen der Hand und des Handgelenks sollten immer Handchirurginnen bzw. -chirurgen in die Behandlung miteinbezogen werden. Die Behandlung orientiert sich am Verletzungsmuster.

Faktoren wie Sportart, Spielposition, Leistungsniveau und Professionalität, Zeitpunkt der Verletzung sowie die Möglichkeit zum „protected play“ sollten in die Therapieentscheidung (operativ – konservativ) und in den zeitlichen Ablauf einbezogen werden und sind letztendlich immer eine individuelle Entscheidung.

Von Thomas Geyer

Schlüsselwörter: Hand, Handgelenk, Verletzungen, Sport

Die Finger, die Hand und das Handgelenk sind beim Sport einem großen Verletzungsrisiko ausgesetzt. Insbesondere Fingermittelgelenksverletzungen werden in ihrer Schwere häufig unterschätzt. Eine unsachgemäße Behandlung kann sowohl gesundheitliche als auch finanzielle Probleme für Profisportlerinnen und -sportler haben und bis zur Sportinvalidität führen.