Mai 2026 – Ausgabe 47

Keramik-Keramik-Hüftkappen – (nur) ein neuer Trend?

PD Dr. med. Marco Ezechieli

PD Dr. med. Marco Ezechieli
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Hüftkappenprothesen stellen eine knochensparende Alternative zur konventionellen Hüfttotalendoprothese dar, insbesondere bei jüngeren und aktiven Patienten. Dabei wird der femorale Kopf überkront und nicht vollständig entfernt. Dieser artikuliert mit einer titanbeschichteten Keramik-Monoblock-Pfanne. Nach zum Teil erheblichen Problemen mit der Generation Metall-Metall-Hüftkopfkappen, die mit erhöhten Metallionenkonzentrationen und lokalen Weichteilreaktionen assoziiert waren, rückt die Keramik-auf-Keramik-Gleitpaarung (Ceramic-on-Ceramic Resurfacing) zunehmend in den Fokus. Ziel ist es, den Abrieb zu minimieren, biologische Risiken zu reduzieren und die Lebensdauer des Implantats zu verlängern.

Indikation und Patientenauswahl

Derzeit stehen weltweit zwei Keramik-Keramik-Hüftkopfkappen zur Verfügung: zum einen die H1®-Hip Resurfacing der Firma ZimmerBiomet®, bei der beide Komponenten mit einer Titanbeschichtung versehen sind, somit zementfrei implantiert werden. Zum anderen die Reserf® der Firma MatOrtho® mit einer zementierten Keramik-Kopfkappe und einer Keramik- Pfanne, die mit einem Titanplasmaspray beschichtet ist und zementfrei implantiert wird. Diese Variante folgt dem Prinzip der Verankerung der ursprünglichen Metall-Metall-Kappen. Hierbei besteht potenziell weniger die Gefahr der Kompromittierung des Hüftkopfes wie bei einer zementfreien Pressfit-Versorgung. Diese Variante wird derzeit an den Standorten München, Potsdam und Hamburg verwendet.

Wenn die konservativen Maßnahmen ausgeschöpft sind und eine fortgeschrittene Arthrose besteht, eignen sich Keramik-Keramik-Hüftkappen insbesondere für:

  • junge und aktive Patienten, die eine hohe Lebensdauer des Implantats erwarten,
  • Patienten mit Metallallergien, da keramische Materialien keine relevanten Metallionen freisetzen,
  • Patienten mit guter Knochenqualität oder ohne komplexe Deformitäten.

Kontraindikationen können u. a. erhebliche femorale Knochenabbauprozesse oder entzündliche Systemerkrankungen sein. Auch extrem varische Schenkelhalssituationen sind eher als Kontraindikation zu sehen.

Operatives Vorgehen

Operativ wird die Hüftkopfkappe überwiegend über den hinteren Zugang mit einer guten Exposition des Femurs und der Pfanne eingesetzt. Aufgrund der Entwicklung in den letzte Jahren mit zunehmender Verwendung muskelschonender und minimalinvasiver Zugänge, insbesondere des direkten vorderen Zuganges, ist die Implantation der Keramik-Keramik-Hüftkappe über diesen Zugang für junge Patienten die optimale Wahl. Erstmalig wurde dieser Eingriff in Deutschland im Oktober 2025 in der ATOS Klinik Fleetinsel Hamburg durchgeführt (Abb. 1, 2).

Der große Kopfdurchmesser bei Hüftkappenprothesen verbessert zudem

  • die Gelenkstabilität,
  • das Bewegungsumfangsprofil,
  • die Luxationssicherheit.

Gleichzeitig ermöglicht die knochensparende Technik eine potenziell einfachere Revision im Vergleich zur primären Totalendoprothese [7]. 

Ergebnisse

Langzeitergebnisse (> 10 Jahre) für keramische Hüftkappen fehlen derzeit noch weitgehend, da viele Studien erst mittelfristige Daten liefern. Es hat sich jedoch gezeigt, dass eine präzise Implantatpositionierung entscheidend bleibt, da Fehlstellungen der Implantate die Lebensdauer stark beeinflussen können. Die Datenlage zu seltenen, aber relevanten Komplikationen wie keramischen Frakturen ist noch begrenzt.

Multizentrische klinische Ergebnisse

Moderne keramische Implantate verwenden hochentwickelte Keramiken wie Aluminiumoxid (Al2O3) oder Zirconia Toughened Alumina (ZTA), die für hohe Härte, sehr niedrige Abriebraten, hohe Biokompatibilität und chemische Inertheit stehen. Diese Eigenschaften sind kritisch für langlebige Gleitpaarungen in der Hüfte, wo Belastung und Reibungsenergie hoch sind. Diese Keramiken haben sich in den letzten Jahren in der Hüftendoprothetik durchgesetzt (Keramikköpfe und -Inlays) und zeigen signifikant niedrigere Revisionsraten im Vergleich zur ersten Keramikgeneration. All dies macht Keramik besonders attraktiv für jüngere und aktive Patienten.

Die Forschung zeigt, dass keramische Gleitpaarungen aufgrund ihrer Oberflächeneigenschaften tendenziell im Vollfilm-Lubrikationsregime betrieben werden können, was den Verschleiß weiter minimiert [2]. In seinem Jahresbericht hat das Australian Orthopaedic Association National Joint Replacement Registry (AOAN-JRR) berichtet, dass ReCerf nach drei Jahren eine Revisionsrate von nur 0,3 % (95 % Konfidenzintervall 0,0 % bis 2,1 %) aufweist [8].

Einfluss von Geschlecht und Kopfgröße

Eine aktuelle internationale retrospektive Multicenter-Studie evaluierte Überlebensraten bis zum 5. Jahr nach keramischem Hüftkappenersatz (CoCHR) hinsichtlich Kopfgröße und Geschlecht. Die Überlebensrate lag bei ca. 98 % nach fünf Jahren ohne signifikanten Einfluss von Kopfgröße oder Geschlecht auf das Revisionsrisiko, was auf eine robuste Performance der keramischen Gleitpaarung auch in heterogenen Patientengruppen hindeutet [3] [6].

Ökonomische Aspekte

Eine ökonomische Analyse aktueller Modellrechnungen legt nahe, dass keramische Gleitpaarungen – trotz derzeit noch höherer Material- und Herstellkosten – potenziell klinische Vorteile ohne metallionassoziierte Nebenwirkungen bieten und im Vergleich zu metallischen Oberflächenersatzsystemen ein günstigeres Risiko-Nutzen-Profil besitzen könnten. Diese Ergebnisse basieren aber auf Modellsimulationen und bedürfen weiterer klinischer Validierung [5].

Fazit

Keramik-auf-Keramik-Hüftkappenprothesen stellen eine moderne, hoch verschleißarme Option im Bereich des möglichst knochensparenden Hüftgelenkersatzes dar, besonders in Kombination mit minimalinvasiven Zugängen. Erste klinische Ergebnisse aus multizentrischen Registeranalysen sind vielversprechend und deuten auf hohe Überlebensraten und gute funktionelle Ergebnisse hin. Die weitere Etablierung dieser Technologie hängt jedoch maßgeblich von längerfristigen klinischen Daten und standardisierten Vergleichsstudien gegenüber etablierten Verfahren ab.

„Erste Ergebnisse aus Registeranalysen von Keramik-Keramik-Hüftkappenprothesen deuten auf hohe Überlebensraten und gute funktionelle Ergebnisse hin.“
PD Dr. med. Marco Ezechieli

ATOS