Mai 2026 – Ausgabe 47

Prävention neurodegenerativer Erkrankungen

Dr. med. Claudia Stichtmann

Dr. med. Claudia Stichtmann

Neurodegenerative Erkrankungen wie die Alzheimer-Krankheit und die Parkinson-Krankheit gehören in einer alternden Bevölkerung zu den größten medizinischen und gesellschaftlichen Herausforderungen, da die Häufigkeit stetig zunimmt. Die krankhaften Veränderungen im Gehirn und Rückenmark beginnen Jahre bis Jahrzehnte vor der klinischen Diagnose. In diesem langen Zeitraum liegt das große Potenzial der Prävention.

Bei der Alzheimer-Krankheit lassen sich pathologische Prozesse teilweise 20 bis 30 Jahre vor den ersten Gedächtnisstörungen nachweisen. Auch bei der Parkinson-Krankheit, der zweithäufigsten neurodegenerativen Erkrankung, setzt der Prozess lange vor dem Auftreten der typischen motorischen Symptome ein.

Neurodegeneration: Gemeinsame Mechanismen

Neurodegenerative Erkrankungen sind durch einen fortschreitenden Verlust von Nervenzellen im Gehirn oder Rückenmark gekennzeichnet. Dabei kommt es zur Ablagerung fehlgefalteter Proteine in den Nervenzellen mit zunehmender Entzündungsreaktion und Störung der Funktion: Bei Alzheimer sind dies β-Amyloid und phosphoryliertes Tau, bei Parkinson ist es das ⍺-Synuclein.

Genetische Faktoren spielen eine Rolle, erklären jedoch nur einen Teil des Erkrankungsrisikos. Zunehmend zeigen Untersuchungen, dass Lebensstil und Umweltfaktoren sowie die Gesundheit der Blutgefäße einen erheblichen Einfluss auf die Entstehung und den Verlauf der neurodegenerativen Erkrankungen haben.

Prävention: Ein Bündel wirksamer Maßnahmen

Prävention bedeutet das Zusammenspiel mehrerer Lebensstilfaktoren, die sich gegenseitig verstärken. Der größte Hebel für die Prävention liegt im mittleren Lebensalter oder sogar noch früher. Als Primärprävention bezeichnet man Maßnahmen zur Verhinderung oder Verzögerung der Krankheitsentstehung. Sekundärprävention kann bei bereits eingetretener Erkrankung den Verlauf verlangsamen.

Demenzprävention: Beeinflussbare Risikofaktoren

Große internationale Untersuchungen, u. a. der Lancet-Kommission zur Demenzprävention, ergaben, dass etwa 45 % der Demenzerkrankungen zumindest teilweise auf folgende 14 beeinflussbare Risikofaktoren zurückzuführen sind:

  • Bluthochdruck, Diabetes und erhöhtes LDL-Cholesterin
  • Bewegungsmangel und Übergewicht
  • Rauchen und übermäßiger Alkoholkonsum
  • Schwerhörigkeit und nachlassendes Sehvermögen
  • Schädel-Hirn-Traumata geringe Bildung und reduzierte geistige Aktivität
  • soziale Isolation, Depression und Schlafmangel
  • Umweltbelastungen/Luftverschmutzung

Die gute Nachricht: Viele dieser Faktoren lassen sich aktiv beeinflussen. Die Gefäßrisikofaktoren Bluthochdruck, Diabetes und LDL-Hypercholesterinämie sind Ursache der Arteriosklerose. Diese führt zu Durchblutungsstörungen sowie Mikroangiopathie im Gehirn und kann den neurodegenerativen Prozess erheblich beschleunigen. Blutdruck, Blutzucker und LDL-Cholesterin sollten daher regelmäßig kontrolliert und ggf. medikamentös und durch körperliche Aktivität gesenkt werden.

Regelmäßige körperliche Aktivität ist einer der am besten belegten Schutzfaktoren für die Gehirngesundheit: Bewegung verbessert die Durchblutung des Gehirns, fördert Nervenschutzfaktoren, reduziert Entzündungsprozesse und hat positive Effekte auf den Blutdruck und Blutzucker. Empfohlen werden 150 Minuten moderate Bewegung pro Woche (zügiges Gehen, Radfahren, Schwimmen) und zusätzlich Krafttraining zweimal pro Woche, idealerweise kombiniert mit Koordinationstraining, z. B. Tanzen. Regelmäßigkeit ist dabei entscheidender als Intensität.

Eine gesunde Ernährung beeinflusst Entzündungsprozesse, die Gefäßgesundheit und den Stoffwechsel – alles Faktoren, die für das Gehirn bedeutsam sind. Es konnte gezeigt werden, dass Menschen, die sich nach den Prinzipien der MINT- Diät ernähren, ein bis zu 25 % reduziertes Risiko für Demenz hatten: Dabei wird eine mediterrane Ernährung mit vorwiegend pflanzlicher Kost, täglich Gemüse, Olivenöl, Nüsse, Beeren und wenig tierischen Lebensmitteln wie Fisch, Joghurt, Käse, Fleisch, mit Prinzipien der DASH-Diät (wenig Salz, wenig Süßes und Fettreiches) kombiniert.

Hingegen stehen stark verarbeitete Lebensmittel in Verdacht, der Hirngesundheit zu schaden – sowohl über Gewichtszunahme als auch über eine Beeinflussung der gesunden Darmflora oder durch direkte schädliche Effekte von Zusatzstoffen und künstlichen Aromen an den Nervenzellen.

Unbehandelte Schwerhörigkeit zählt zu den häufigsten modifizierbaren Demenzrisiken durch den erhöhten kognitiven Aufwand beim Hören sowie durch soziale Isolation und sollte durch Hörgeräte ausgeglichen werden. Schädel-Hirn-Traumata und Kopfverletzungen sollten durch das Tragen von Helmen beim Fahrradfahren und Skifahren vorgebeugt werden.

Geistige Aktivität ist essenziell, denn das Gehirn braucht Herausforderungen. Entscheidend ist es, Neues zu lernen, darunter auch komplexe Tätigkeiten, die Aufmerksamkeit und Problemlösung erfordern: beispielsweise Weiterbildung, Lesen anspruchsvoller Texte, Erlernen einer neuen Sprache. Soziale Kontakte stellen einen Schutzfaktor gegen geistigen Abbau dar, während soziale Isolation ein eigenständiger Risikofaktor für Demenz ist. Regelmäßiger Austausch und aktive Pflege sozialer Kontakte fördern kognitive Fähigkeiten. Das Konzept der kognitiven Reserve beschreibt, dass ein geistig aktives Gehirn Schäden länger kompensieren kann, selbst wenn degenerative Veränderungen bereits vorhanden sind.

Schlaf ist für die Gedächtnisbildung und Einspeicherung ins Langzeitgedächtnis bedeutsam. Während des Schlafs wird das sogenannte glymphatische System aktiviert, ein Reinigungssystem zwischen den Nervenzellen. In dieser Phase werden auch die fehlgefalteten Proteine β-Amyloid, p-Tau und α-Synuclein abtransportiert, wodurch Schlaf eine aktive Präventionsmaßnahme darstellt.

Möglicherweise sind auch virale Infekte neurodegenerativ wirksam. Es gibt Hinweise, dass die Gürtelrose-Impfung einen positiven Effekt zur Demenzvorbeugung haben könnte. Die zugrunde liegenden Mechanismen sind noch nicht umfassend untersucht, ein Schutzsignal für Demenz durch Impfung könnte über einen positiven Effekt auf das Immunsystem aktiviert werden.

Die modifizierbaren Faktoren zur aktiven Demenzprävention gelten auch für die Parkinson-Erkrankung: Eine gesunde Ernährung, Schutz vor wiederholten Hirntraumata, Vermeidung von Umweltgiften (seit 2024 gilt Parkinson als Berufskrankheit bei Anwendern von Pestiziden in der Landwirtschaft) und Bewegung wirken präventiv.

Biomarker: Schlüssel zur Früherkennung durch Bluttests

Blutbasierte Tests zur Früherkennung von Alzheimer messen spezifische Biomarker wie β-Amyloid und phosphoryliertes Tau im Blut. Sie sind in den USA bereits im Einsatz und werden für die Anwendung in Europa vorbereitet. Bislang dienen sie nur zur Bestätigung oder zum Ausschluss der Verdachtsdiagnose bei Menschen, die bereits Symptome von Alzheimer haben. Sie könnten in Zukunft aber auch im prä- symptomatischen Stadium angewendet werden.

Fazit

Neurodegenerative Erkrankungen sind keine unausweichliche Folge des Alterns. Ein erheblicher Teil des Risikos ist modifizierbar. Prävention beginnt früh, wirkt langfristig und beruht auf Bewegung, Ernährung, Schlaf, sozialen Kontakten, geistiger Aktivität und der Reduktion von Umwelt- und insbesondere von Gefäßrisiken. Moderne Biomarker eröffnen zusätzlich neue Möglichkeiten der Früherkennung und damit der gezielten Prävention.

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