Mai 2026 – Ausgabe 47

Künstliche Intelligenz in der Radiologie – Perspektiven für die orthopädische Praxis

Dr. Dr. med. Richard Westhaus

Dr. Dr. med. Richard Westhaus

Die Radiologie ist ein ideales Anwendungsfeld für Künstliche Intelligenz (KI) in der Medizin, da vor allem mit der Bildverarbeitung, Detektion, Klassifikation, Quantifizierung und Textgenerierung solche Kompetenzen im Aufgabenbereich der Radiologie liegen, in denen auch die KI ihr größtes Potenzial aufweist.

Abb. 1: KI ist aus der Radiologie nicht mehr wegzudenken – wie man auf dieser mit KI erstellten Abbildung sieht (Quelle: R. Westhaus)

Die Radiologie erlebt derzeit eine der tiefgreifendsten Transformationen ihrer Geschichte. KI ist nicht länger ein Schlagwort aus Zukunftsvisionen, sondern ein wachsendes Element klinischer Realität. Orthopäden erfahren diesen Wandel unmittelbar, da bildgebende Verfahren zentrale Bausteine ihrer Diagnostik und Therapieplanung darstellen. Die Fragen, wie KI diese Prozesse unterstützt, verbessert oder verändert und welche Bedeutung dies für die orthopädische Praxis hat, rücken zunehmend in den Fokus. Die Wechselwirkung zwischen radiologischer Bildgebung und orthopädischer Entscheidungsfindung verlangt ein fundiertes Verständnis der technologischen Grundlagen, klinischen Anwendungen sowie der Chancen und Grenzen dieser innovativen Technologien.

Technologische Grundlagen: Was KI für die Radiologie bedeutet

KI ist ein Oberbegriff für Methoden der Datenverarbeitung, bei denen Algorithmen Muster erkennen und Entscheidungen unterstützen, ohne für jede Aufgabe explizit programmiert worden zu sein. In der Radiologie basiert KI vor allem auf sogenannten „Deep Learning“-Verfahren. Dabei lernen neuronale Netzwerke, aus großen Mengen radiologischer Bilddaten charakteristische Muster zu erkennen und zu klassifizieren. Diese Techniken werden zunehmend in bestehende radiologische Arbeitsprozesse integriert – von der Verbesserung der Bildakquisition über automatisierte Auswertungen bis zur sprachgestützten Befunddokumentation.

Die im Bereich der Bildgebung zur Verfügung stehenden KI-Anwendungen sind so ausgereift, dass sie im Sinne der Patientensicherheit schon jetzt grundsätzlich genutzt werden sollten. Dies gilt umso mehr mit Blick auf die wachsende Diskrepanz zwischen ärztlicher Personalausstattung und steigendem Versorgungsbedarf. KI ersetzt dabei nicht die ärztliche Expertise, sondern fungiert als Assistenzsystem. Ziel ist es, Prozesse effizienter zu gestalten, die diagnostische Sicherheit zu erhöhen und den Radiologen bei der wachsenden Zahl komplexer Untersuchungen zu unterstützen. Für Orthopäden bedeutet dies eine verbesserte Grundlage für fundierte klinische Entscheidungen.

Einsatzfelder in der Radiologie, relevant für Orthopäden

Bereits heute kommen KI-basierte Systeme in mehreren Bereichen in der radiologischen Diagnostik zum Einsatz, die für orthopädische Fragestellungen besonders relevant sind: In der Bildakquisition ermöglichen KI-gestützte Rekonstruktionsverfahren eine deutlich verbesserte Bildqualität bei gleichzeitig reduzierter Strahlenexposition (Computertomographie). Insbesondere in der Schnittbilddiagnostik der CT- und MR-Bildgebung von Gelenkpathologien oder Verletzungen profitieren Patienten von kürzeren Untersuchungszeiten und präziseren Bilddaten.

In der Routinediagnostik unterstützen KI-Algorithmen die Erkennung von Frakturen auf konventionellen Röntgenaufnahmen. Studien zeigen, dass moderne Systeme hierbei Sensitivitäten von über 95 % erreichen und damit auf dem Niveau erfahrener Radiologen liegen. Besonders bei subtilen oder okkulten Frakturen, die im klinischen Alltag leicht übersehen werden können, fungiert die KI als „zweiter Blick“ und trägt zur Reduktion übersehener Krankheitsbilder bei. Internationale Beiträge unterstreichen, dass KI-basierte Entscheidungsunterstützung weit über den Pilotstatus hinaus angewendet wird – bei unverändert zentraler ärztlicher Rolle.

Ein weiterer Einsatzbereich sind computergestützte Detektions- und Diagnosesysteme (CAD/D). Diese analysieren beispielsweise MRT-Datensätze von Knie- und Hüftgelenken, quantifizieren Knorpeldicken, markieren degenerative Veränderungen sowie Achsfehlstellungen und unterstützen die objektive Verlaufsbeurteilung. Für orthopädische Entscheidungsträger eröffnen sich dadurch neue Möglichkeiten, degenerative Erkrankungen standardisiert zu bewerten und Therapieentscheidungen datenbasiert zu begleiten.

Steigerung von Effizienz und diagnostischer Sicherheit

Neben der reinen Bildanalyse liegt ein wesentlicher Vorteil der KI in der Optimierung radiologischer Abläufe. Routineaufgaben lassen sich automatisieren, Untersuchungen lassen sich nach Dringlichkeit priorisieren, und Befundprozesse können beschleunigt werden. In der klinischen Praxis führt dies zu kürzeren Wartezeiten auf radiologische Ergebnisse und damit zu schnelleren therapieorientierten Entscheidungen. Gerade bei hohem Untersuchungsaufkommen kann KI-gestützte Assistenz dazu beitragen, die diagnostische Qualität konstant hochzuhalten. Die Kombination aus menschlicher Expertise und algorithmischer Unterstützung erhöht die Sicherheit insbesondere bei komplexen orthopädischen Fragestellungen und zeitkritischen Situationen.

Von Bilddaten zu strukturierten Befunden: KI als Dokumentationshelfer

Moderne Sprach- und Textmodelle erweitern den Einsatz von KI über die Bildauswertung hinaus. Sie unterstützen die strukturierte Befundung, indem sie radiologische Befundinformationen standardisieren, relevante klinische Parameter hervorheben, konsistente Berichte erzeugen und gleichzeitig dieses mit geringerem Zeitaufwand als bisher bekannt ermöglichen.

Für Orthopäden bedeutet dies eine verbesserte Vergleichbarkeit von Vor- und Verlaufskontrollen sowie eine klare, transparente und zuverlässige Kommunikation im interdisziplinären Austausch. Insbesondere bei der präoperativen Planung oder der Verlaufskontrolle nach operativen Eingriffen trägt eine strukturierte Befunddarstellung zu mehr Transparenz und Entscheidungsqualität bei.

Für Kliniken bietet sich die Chance, die in Bild- und Textdaten vorhandene eigene Erfahrung sowohl zur Vorbereitung eigener Befundung als auch für wissenschaftliche Arbeiten auf Basis valider Grundgesamtheit mit trennscharfen Merkmalen zu nutzen. Die allein bisher in anerkannten Publikationen und bei erfahrenen Radiologen abgespeicherten Informationen können durch Einbringung in gesicherte, anonymisierte Datenbanken das medizinische und sogar wirtschaftliche Vermögen erheblich erweitern.

Herausforderung in der Implementierung

Tatsächlich ist die Radiologie mit mehr als 700 zugelassenen, KI-basierten Softwareprodukten die Vorreiterin von KI-Anwendung in der Medizin, und es gibt kaum eine diagnostische radiologische Fragestellung, zu der es nicht auch ein spezialisiertes, kommerziell verfügbares KI-Tool gibt.

Trotz der Fortschritte sind KI-Anwendungen nicht frei von Herausforderungen. Eine zentrale Voraussetzung für den klinischen Einsatz ist die valide Evaluation unter realen Versorgungsbedingungen. Viele Systeme wurden bislang in kontrollierten Studienumgebungen getestet, belastbare Langzeitdaten aus dem klinischen Alltag sind lediglich begrenzt verfügbar.

Hinzu kommen rechtliche und organisatorische Fragestellungen. Unabhängig vom Einsatz von KI bleibt die ärztliche Verantwortung für Diagnose und Therapie beim behandelnden Arzt. KI-Ergebnisse müssen daher kritisch hinterfragt und in den klinischen Kontext eingeordnet werden. Transparenz der Algorithmen, Datenschutz und Nachvollziehbarkeit der Ergebnisse sind weitere entscheidende Faktoren für Akzeptanz und Vertrauen. Deshalb ist die Implementierung von entsprechenden Inhalten in die ärztliche Aus-, Fort- und Weiterbildung essenziell. Mittelfristig sollte der Umgang mit KI fester Bestandteil der Facharztausbildung in der Radiologie sein – etwa um den „Automation Bias“, also das Phänomen, das Menschen wider besseres Wissen auf Vorschläge und Entscheidungen von Maschinen vertrauen, zu vermeiden. In diesem Zusammenhang sollte auch der Aspekt der Mensch-Maschine- Interaktion bei Unterstützung der radiologischen Arbeit durch automatisierte Systeme intensiv erforscht werden.

Ethische und rechtliche Aspekte – Verantwortung bleibt beim Arzt

Nationale und internationale Fachgremien betonen übereinstimmend, dass KI-gestützte Systeme den ärztlichen Entscheidungsprozess unterstützen, jedoch nicht autonom handeln sollen. KI kann Korrelation, KI beherrscht nicht Kausalität. Eine offene Kommunikation über den Einsatz von KI in der Diagnostik ist ebenso wichtig wie der verantwortungsvolle Umgang mit möglichen Verzerrungen in den Trainingsdaten. Ein strukturiertes Qualitäts- und Risikomanagement ist daher essenziell, um KI-Anwendungen sicher und ethisch vertretbar in den klinischen Alltag zu integrieren – sowohl in der Radiologie als auch in der orthopädischen Praxis.

Der oben erwähnte Aufbau eigener Datenbanken mit laufend nachgeschärften Algorithmen in Zusammenarbeit mit Ärzteschaft und Informationstechnologie steht im Spannungsfeld zwischen medizinischen, datenschutzrechtlichen und wirtschaftlichen Interessen. Da hier das „Winner Takes All“-Prinzip durch Skaleneffekte am wahrscheinlichsten ist, wäre es sinnvoll, ein medizinisch-wissenschaftliches Verbundsystem aufzubauen, um vorhandene Erfahrung hier ebenso unabhängig wie langfristig nutzen zu können.

Berufliche und organisatorische Implikationen

Mit dem zunehmenden Einsatz von KI verändern sich die Anforderungen an ärztliche Kompetenzen. Radiologen und zuweisende Orthopäden müssen keine technischen Experten werden, sollten jedoch ein grundlegendes Verständnis für Funktionsweise, Leistungsfähigkeit und Grenzen der eingesetzten Systeme entwickeln. Dies fördert den interdisziplinären Dialog zwischen Radiologie, Orthopädie und IT-Strukturen und trägt dazu bei, KI-gestützte Befunde kritisch-konstruktiv in die klinische Entscheidungsfindung einzubinden.

Zukunftsaussichten für die orthopädische Versorgung

Die Weiterentwicklung multimodaler KI-Systeme, die Bild-, Text- und klinische Daten kombinieren, eröffnet neue Perspektiven. Prognostische Modelle, KI-gestützte Therapieassistenten oder algorithmische Unterstützung bei der Operationsplanung befinden sich bereits in der Entwicklung. Für orthopädische Teams bedeutet dies langfristig die Chance, Diagnostik und Therapie noch stärker zu individualisieren und evidenzbasierte Entscheidungen auf einer breiteren Datenbasis zu treffen.

Fazit: KI als Partnerin in der Radiologie und Orthopädie; kritische Anmerkungen

Künstliche Intelligenz ist kein Ersatz für den diagnostischen Blick des versierten Radiologen oder für den klinischen Blick des erfahrenen Orthopäden, stellt aber ein leistungsfähiges Assistenzwerkzeug dar. Richtig eingesetzt, erhöht sie die diagnostische Präzision, verbessert die Effizienz radiologischer Abläufe und unterstützt fundierte Therapieentscheidungen. Orthopäden profitieren besonders dann, wenn KI-gestützte Befunde im engen Dialog mit radiologischen Partnern kritisch interpretiert und verantwortungsbewusst in den klinischen Kontext eingeordnet werden. Die Zukunft liegt in der intelligenten Zusammenarbeit von Mensch und Maschine.

Orthopäden sollten wissen, welche KI-Systeme ihre radiologischen Partner einsetzen, wie diese validiert werden und welche Unsicherheiten bestehen. Ein transparenter Austausch erleichtert die Einordnung der Ergebnisse und stärkt das Vertrauen in KI-gestützte Diagnostik. Festzuhalten gilt, dass der tatsächliche Einsatz dieser Technologien bislang noch wenig verbreitet ist. Dies liegt unter anderem an der Frage der Finanzierung derartiger Lösungen und der bislang nur spärlich vorhandenen Validierung des tatsächlichen Nutzens für die Patientenversorgung und das Gesundheitssystem. Darüber hinaus bestehen Herausforderungen in der nahtlosen Integration in bereits vorhandene Prozess- und IT-Infrastrukturen sowie zunehmende regulatorische Anforderungen. Bestimmte unter Umständen strittige Situationen, beispielsweise im Falle einer bewusst von der KI abweichenden ärztlichen Diagnose, sind aufgrund der noch recht jungen Technologie nicht umfassend gesetzlich oder durch Musterurteile geklärt.

Offen ist darüber hinaus noch die Erstattungsfrage, noch geht die Radiologie bei den notwendigen Investitionen in Vorleistung.

Wenn wir uns in Deutschland und Europa als unfähig erweisen, diese Daten selbst zu pflegen und weiterzuentwickeln, dann werden wir langfristig von anderen abhängig sein. Noch könnten wir einen eigenen Fokus bilden, der nachfolgenden Generationen von Ärzteschaft und Patienten Nutzen bringt; ähnlich wie die Pharmazie zur Prävention und Heilung in diesen Breitengraden entwickelt und maßgeblich betrieben wurde. Es besteht allerdings die akute Gefahr, dass durch ein „Cherry Picking“ externer, großer, kapitalstarker Einheiten dieses Vermögen (im Englischen „Assets“) weggenommen und dann nur noch unter „kolonialen“ Bedingungen wieder in Kleinteilen zurückgegeben wird. Hier ist jetzt m. E. der Zeitpunkt, eine nationale und in der Folge europäische Initiative zu starten, dieses Vermögen unter Kontrolle z. B. einer medizinischen Stiftung zu halten, vielleicht auch im Verbund mit klar definierter Kooperation mit den vorgenannten kapitalstarken Einheiten.

Wenn das Jahr 2024 im Wesentlichen die Frage „Was kann KI in der Radiologie?“ und 2025 die Frage „Unter welchen Bedingungen setzen wir sie ein?“ beantwortet haben, wird 2026 sehr konkret die Frage „Wie organisieren wir das im Alltag?“ in den Mittelpunkt rücken – in Befundung, Teleradiologie, Prävention und gemeinsamer Verantwortung gegenüber den Patienten. Ich bin überzeugt, dass dies gelingen kann und dass in Zukunft eine KI-augmentierte Radiologie die Versorgung nachhaltig verbessern wird.

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