Mai 2026 – Ausgabe 47
Präzision ohne Kompromisse: Personalisiert geplante 3D-Implantatsetzung auf höchstem Niveau
Prof. Dr. med. Basem Ishak
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Die sichere und präzise Platzierung von Pedikelschrauben ist ein zentraler Erfolgsfaktor in der Wirbelsäulenchirurgie. Individuelle anatomische Unterschiede, komplexe Fehlstellungen und Revisionssituationen stellen trotz großer operativer Erfahrung weiterhin eine erhebliche Herausforderung dar. Patientenspezifisch geplante 3D-Implantatführungen (mySpine®) ermöglichen heute eine hochpräzise, reproduzierbare und weitgehend röntgenfreie Umsetzung der Schraubenplatzierung auf Basis präoperativer Low-Dose-CT-Daten. Dieser Fachbeitrag beschreibt das zugrunde liegende Konzept, die operative Umsetzung sowie die klinische Relevanz der Technologie unter Berücksichtigung aktueller wissenschaftlicher Evidenz.
Die transpedikuläre Schraubenfixation bildet das biomechanische Fundament vieler wirbelsäulenchirurgischer Eingriffe. Pedikelschrauben dienen als stabile Verankerung im Wirbelkörper und übertragen die Korrektur- und Stabilisierungskräfte auf das gesamte Implantatsystem. Sie kommen bei degenerativen Erkrankungen, Instabilitäten, Fehlstellungen, Tumoren sowie in der Revisionschirurgie zum Einsatz.
Die präzise Schraubenplatzierung ist entscheidend für Primärstabilität, neurologische Sicherheit und das Langzeitergebnis [1]. Bereits geringe Abweichungen können klinisch relevant sein. Eine Schraube, die den Pedikel auch nur minimal verlässt, kann Nervenstrukturen gefährden oder die Belastbarkeit der gesamten Konstruktion reduzieren. Präzision ist daher kein technisches Detail, sondern ein zentraler Faktor der Patientensicherheit.
Die klassische Freehand-Technik basiert auf anatomischen Landmarken, taktilem Feedback und intraoperativen Röntgenkontrollen. Trotz guter Ergebnisse in erfahrenen Händen bleibt sie stark von der individuellen Erfahrung, der intraoperativen Übersicht bei komplexer Anatomie sowie von wiederholter Strahlenexposition abhängig. Navigations- und robotische Systeme verbessern die Genauigkeit, erfordern jedoch einen hohen technischen und finanziellen Aufwand sowie häufig zusätzliche intraoperative 3D-Bildgebung, was die Strahlenbelastung für den Patienten weiter erhöht.
Das Prinzip der personalisierten 3D-Implantatplanung (MySpine®)
Patientenspezifische 3D-Planungssysteme verfolgen einen grundlegend anderen Ansatz, indem ein Großteil der entscheidenden Schritte bereits vor der Operation erfolgt. Die operative Komplexität wird damit aus dem Operationssaal in die präoperative Vorbereitung verlagert. Ziel ist es, die entscheidenden anatomischen und technischen Fragen nicht unter Zeitdruck während des Eingriffs, sondern strukturiert und reproduzierbar im Vorfeld zu klären.
Ein etabliertes System ist mySpine® von Medacta, das den gesamten Workflow von der Bildgebung bis zur mechanischen Umsetzung integriert abbildet. Ausgangspunkt ist ein präoperativer CT-Datensatz, der mit einem speziellen Low-Dose-Protokoll erhoben wird. Dieses reduziert die Strahlenbelastung im Vergleich zu konventionellen CT-Untersuchungen deutlich, erlaubt jedoch weiterhin eine präzise dreidimensionale Darstellung der knöchernen Anatomie (Abb. 1).
Auf dieser Basis wird ein virtuelles 3D-Modell der Wirbelsäule erstellt. Der Operateur definiert anschließend für jedes zu instrumentierende Segment den optimalen Eintrittspunkt, die Schraubenlänge, den Durchmesser sowie die ideale Trajektorie (Abb. 2). Dabei können die Pedikel in allen Ebenen millimetergenau beurteilt werden. Diese präoperative Planung ermöglicht es, auch anatomisch anspruchsvolle Situationen wie schmale Pedikel, Rotationsfehlstellungen oder vorbestehende Knochendefekte sicher zu berücksichtigen [2].
Die freigegebene digitale Planung wird anschließend in patientenspezifische Bohrschablonen überführt. Diese werden mittels additiver Fertigung (3D-Druck) hergestellt und bilden die individuelle Knochenoberfläche des jeweiligen Wirbels exakt nach (Abb. 3). Die Schablone passt dadurch nur in einer einzigen korrekten Position auf den Knochen, vergleichbar mit einer passgenauen Führungsschiene. Dieses sogenannte Key-Lock-Prinzip stellt sicher, dass die präoperativ geplante Trajektorie intraoperativ mechanisch umgesetzt wird.
Operativer Workflow und technische Umsetzung
Der operative Eingriff folgt einem standardisierten Ablauf. Nach dorsaler Freilegung der Wirbelsäule erfolgt eine sorgfältige Präparation der knöchernen Kontaktflächen. Diese Phase ist entscheidend, da die exakte Passung der Schablone nur bei vollständig freigelegten Kontaktpunkten gewährleistet ist (Abb. 4).
Sobald die Schablone stabil auf dem Wirbel positioniert ist, dient sie als mechanische Führung für die gesamte Instrumentation. Über integrierte Führungszylinder wird zunächst der Bohrkanal entlang der präoperativ festgelegten Trajektorie angelegt. Anschließend wird ein Kirschner-Draht eingebracht, der als Führung für die kanülierte Pedikelschraube fungiert (Abb. 5). Die Schraubenimplantation erfolgt damit reproduzierbar entlang der geplanten Achse, ohne dass währenddessen Röntgenkontrollen erforderlich sind [3].
Der Verzicht auf kontinuierliche intraoperative Bildgebung reduziert nicht nur die Strahlenbelastung, sondern trägt auch zu einem ruhigeren und standardisierten operativen Ablauf bei. Erst nach Platzierung aller Schrauben wird zur abschließenden Dokumentation eine Lagekontrolle durchgeführt.
Wissenschaftliche Evidenz: Präzision und Strahlenschutz
Die klinische Relevanz dieser Technik wird durch hochwertige Studien untermauert. In einer prospektiven, randomisierten kontrollierten Studie von Spirig et al. wurde mySpine® direkt mit der Freehand-Technik verglichen [4]. Die intraoperative Strahlenexposition war in der mySpine®-Gruppe um etwa zwei Drittel geringer als bei der konventionellen Methode. Gleichzeitig lag die Platzierungsrate innerhalb der sicheren Zone bei 100 %. Insbesondere bei anatomisch schwierigen Verhältnissen zeigte sich eine höhere Rate vollständig intrapedikulär platzierter Schrauben.
Für den klinischen Alltag bedeutet dies eine deutliche Reduktion der Strahlenbelastung bei gleichzeitig sehr hoher Platzierungssicherheit. Dieser Aspekt ist nicht nur für das OP-Personal relevant, sondern insbesondere auch für Patienten, bei denen im Verlauf ihres Lebens wiederholt bildgebende Untersuchungen erforderlich sind.
Besonderer Stellenwert in der Revisionschirurgie
Ein besonders relevantes Einsatzgebiet der 3D-Schablonentechnik ist die Revisionschirurgie. Voroperationen führen häufig zum Verlust anatomischer Orientierungspunkte, zu Narbengewebe und zu veränderter Knochenstruktur. In diesen Situationen ist die sichere Schraubenplatzierung technisch besonders anspruchsvoll.
Studien zeigen, dass die schablonengeführte Technik auch unter diesen Bedingungen eine hohe Genauigkeit erreicht [5]. Schraubenwege können präoperativ so geplant werden, dass sie sicher an alten Bohrkanälen oder Knochendefekten vorbeigeführt werden. Dadurch lässt sich die mechanische Verankerung im Revisionsfall gezielt optimieren, was insbesondere bei instabilen oder mehrfach voroperierten Segmenten von hoher klinischer Bedeutung ist.
Gesundheitsökonomische Aspekte und Patientensicherheit
Neben der hohen Präzision bietet das Verfahren auch organisatorische Vorteile. Da die Planung vollständig präoperativ erfolgt, reduziert sich der Bedarf an intraoperativer High-End-Bildgebung, wie 3D-Bildwandlern oder sog. O-Armen. Die Technik ist somit auch in Einrichtungen ohne umfassende Navigations- oder Robotikinfrastruktur einsetzbar.
Für den Patienten ergeben sich daraus zwei wesentliche Vorteile: eine erhöhte Sicherheit durch exakte Schraubenlage sowie eine deutlich reduzierte Strahlenbelastung. Dies ist insbesondere bei jüngeren Patienten mit Fehlstellungen, etwa bei Skoliosen, von hoher Bedeutung, um potenzielle Langzeitfolgen ionisierender Strahlung zu vermeiden.
„Die personalisiert geplante 3D-Implantation stellt einen konsequenten Schritt in Richtung individualisierter Wirbelsäulenchirurgie dar.“
Vergleich zu Navigation und Robotik
Während robotergestützte Verfahren zunehmend an Bedeutung gewinnen, ist zu berücksichtigen, dass diese Systeme ein komplexes technisches Set-up und eine ausgeprägte Lernkurve erfordern. Die my- Spine®-Technologie stellt in diesem Kontext eine pragmatische Alternative dar. Die entscheidende Präzision entsteht bereits durch die präoperative Planung sowie die patientenspezifische Schablone und nicht durch komplexe Technik im Operationssaal. Dadurch ist das Verfahren weniger anfällig für intraoperative Systemprobleme und ermöglicht einen stabilen, reproduzierbaren Workflow.
Indikationen und Limitationen
Die Technik eignet sich für nahezu alle Indikationen, die eine posteriore Instrumentation erfordern. Dazu zählen komplexe degenerative Erkrankungen, Skoliosen, Spondylolisthesen, Revisionseingriffe bei Pseudarthrosen oder Anschlussinstabilitäten sowie tumorchirurgische Situationen mit teilweise zerstörter Knochenstruktur. Limitationen betreffen vor allem die notwendige sorgfältige Präparation der knöchernen Kontaktflächen. Bei Patienten mit ausgeprägtem Weichteilmantel kann eine Erweiterung des Zugangs sinnvoll sein, um eine sichere Führung der Instrumente zu gewährleisten und Hebelkräfte auf die Schablone zu vermeiden.
Fazit
Die personalisiert geplante 3D-Implantatsetzung mittels patientenspezifischer Bohrschablonen stellt einen konsequenten Schritt in Richtung individualisierter Hochleistungsmedizin in der Wirbelsäulenchirurgie dar. Sie ermöglicht eine hochpräzise, sichere und reproduzierbare Schraubenplatzierung bei gleichzeitig deutlich reduzierter Strahlenexposition. Die mySpine®-Technologie schließt die Lücke zwischen rein manueller Chirurgie und hochkomplexer Robotik, indem sie maximale Präzision mit einem effizienten klinischen Workflow verbindet. Insbesondere in anatomisch anspruchsvollen Situationen und in der Revisionschirurgie bietet das Verfahren einen klaren klinischen Mehrwert und trägt wesentlich zur Erhöhung der Patientensicherheit bei.

